Mittwoch, 8. April 2026

Der Friedrichspalast

Wie man den Friedrichspalast standesgemäß einweihen könnte, hat Goethe mit der zweiten Strophe seiner Ballade "Der Sänger" formuliert:

 

"Gegrüßet seid mir, edle Herrn,
Gegrüßt ihr, schöne Damen!
Welch reicher Himmel, Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit,
Sich staunend zu ergetzen"

 

Aus Bayreuther Sicht stechen zwei Teilzeilen der Ballade hervor: "welch reicher Himmel" und "im Saal voll Pracht und Herrlichkeit". Sie verweisen nicht nur auf die prächtige Kulisse, die hier mit dem verschwenderischen Umgang mit den Steuergeldern aller Steuerzahler errichtet wurde, sondern auch auf das Publikum, das im Friedrichspalast vorwiegend erwartet werden kann: die kulturbeflissene Bayreuther hautevolee. Das sind nicht jene Menschen, deren Einkommen gerade noch ausreicht, sich bei den Discountern zu versorgen und schon gar nicht jene, die auf die Tafel angewiesen sind. Erst recht verdeutlicht wird das durch die Eintrittspreise, die der Kurier am 02.04.2026 für die ersten Veranstaltungen auf Seite 13 nannte. Sie reichen von 69 € bis 111€ für die Einzelveranstaltung. Die 60 bis 80 % Menschen der unteren Einkommensklassen wird man deshalb höchst selten im Friedrichspalast treffen. Deshalb weigere ich mich, den offiziellen Namen "Friedrichsforum" zu verwenden; denn schon im alten Rom nannte man Häuser, die nur den Reichen und Mächtigen zugänglich waren, nicht "Forum", sondern "Palast", im konkreten Fall also "Friedrichspalast ".

 

Als Forum hätte man eine zentrale Bürgerbegegnungsstätte bezeichnen können, wo selbstorganisierte kulturelle, philosophische und politische Diskussionen und Veranstaltungen im kleinen oder größeren Rahmen hätten stattfinden können. Diese Chance wurde mit dem durchgefallenen Bürgerentscheid im Vorfeld des Umbaus der Stadthalle zu einem elitären "Saal voll Pracht und Herrlichkeit" vertan. Heute findet man diese Form selbstbestimmter Kultur über die Stadt verstreut im Brandenburger Kulturstadl, in der Studiobühne, in der Schokofabrik, im Reichshof und im Kulturhaus neuneinhalb, zu außergewöhnlichen Anlässen wie Friedrichspalast-Einweihung, Weihnachten und Ostern alibimäßig vielleicht auch mal im "Saal voll Pracht und Herrlichkeit", dem Friedrichspalast.

 

Schlimm finde ich, dass keine Bayreuther Organisation oder Partei diesen asozialen Umgang mit den allgemeinen Steuergeldern kritisiert hat. Das war bei CSU, SPD, BG und den anderen reaktionären politischen Vereinigungen nicht anders zu erwarten. Voller Begeisterung mitgemacht haben aber auch die Pseudogrünen, die man zur Jahrtausendwende noch bedingt zum linken Milieu zählen konnte. Mit ihrer enthusiastischen Zustimmung zum Friedrichspalast haben sie sich endgültig zu ihrer großbürgerlichen Klientel bekannt.

 

Auch in Bayreuth ist die gesellschaftspolitische Linke tot. Dafür steht jetzt symbolisch der Friedrichspalast.

 

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